Beitrag aus dem Elbhang-Kurier (09/97)

Zum Grünen Baum

Von vielen Loschwitzern, der jüngeren Generation und den neu hinzugezogenen, wird kaum vermutet, daß hinter dem Tor des Grundstückes Schillerstraße Nr. 20 sich einstmals das sehr beliebte Ausflugs- und Gartenrestaurant „Zum Grünen Baum“ befand.
Dabei ist es gemessen an seiner Geschichte noch gar nicht so lange her, als das gastliche Haus im Jahre 1959 seine Pforten schloß. Bis dahin haben Generationen von Dresdnern sich hier nach den Wanderungen durch die Heide oder nach getaner Arbeit im Garten oder in der kleinen Gaststube erholt. Eine Enkelin des Wirtes beschreibt aus der Kindheitserinnerung, wie die Gaststube noch Anfang der zwanziger Jahre aussah. In einer Ecke an der Außenwand befand sich die Theke, rechts ein Glasschrank mit Regalunterbau zur Aufbewahrung der Gläser und links ein ebensolches Regal mit hölzerner Rückwand als Abgrenzung zur Gaststube. Über dieses hinweg hatte der Wirt seine Gäste an dem großen runden Mittelfußtisch, über dem eine Petroliumlampe hing, und den kleineren quadratischen Tischen mit einem Fach unter der Tischplatte zum Ablegen der Spielkarten gut im „Blickfeld“.

Zur Geschichte des Hauses

Das Grundstück gehörte ehemals, ebenso wie die Grundstücke Schillerstraße Nr. 22 – von einem seiner Besitzer „Sängers Heim“ genannt –, Nr. 24 – eine Villa im Landhausstil mit Schweizerdach, die 1945 abbrannte – und Nr. 26 – das Diakonissen-Erholungsheim „Bethanien“ zu einem großen Weinberg, der bis 1790 im Besitz des Churfürstlich Sächsischen Kammer-Kommissionsrat Christian August Hauschild zu Dresden war.
Mit dem am 2. März 1790 vor dem Churfürstlich Sächsischen Amte zu Dresden abgeschlossenen Kaufvertrag zwischen obengenanntem Hauschild und dem Loschwitzer Winzer Johann Gottlieb Schneider ging das „am sogenannten Mordgrunde und der Budissiner Straße (Bautzner Straße) zwischen dem Roos’schen und dem Schüllerschen Weinberge gelegene Weinbergsgrundstück“ an letzteren über.
Auf diesem Grundstück stand am Berg ein Herrenhaus, die heutige Hermann-Prell-Straße 3, und unten am Stadtweg, heute Schillerstraße, ein Häuschen, in dem sich die Weinpresse befand, der spätere „Grüne Baum“.
Am 2. Januar 1840 erwarb Johann Gotthelf Lotzmann aus Dresden den Besitz, der diesen am 16. April 1863 an den Landschaftsmaler Friedrich Anton Wolf aus Dresden für 3350 Taler verkaufte. Ungefähr 1875 trat dieser ihn an die verschwägerten Kaufleute Enzmann und Böhme ab.
Im Jahre 1894 kaufte Kommerzienrat Eschebach das gesamte Grundstück und ließ anstelle der steilen Weinbergstreppe eine mehrfach gewundene Straße den Berg hinauf erbauen, und erschloß damit für die kommenden Generationen idealen Baugrund. Die Straße wurde vom damaligen Gemeinderat nach ihrem Erbauer benannt und ist die heutige Hermann-Prell-Straße.

Zur Gastlichkeit der Gaststätte „Zum Grünen Baum“

Im Jahre 1875 bezog der damals noch ledige Gärtner Gottlieb Franz Seifert das kleine Haus, die ehemalige Presse, am damaligen Stadtweg Nr. 80, zusammen mit seiner Mutter, die ihm die Hauswirtschaft und den kleinen Schankbetrieb bis zu seiner Verheiratung 1880 führte. Am 20. November 1875 erhielt er per Erlaubnisschein von den Herren Enzmann und Böhme die amtlich bestätigte „... persönliche Conces- sion zur Betreibung des Bier- und Weinschanks – mit ausdrücklichem Ausschluß des Branntweinschankes ...“. Das Haus und den dazugehörigen Garten hatte Franz Seifert von den Besitzern Enzmann und Böhme gepachtet und betreute das große Grundstück gärtnerisch anstelle eines Pachtzinses.
Ab 1879 erweiterte sich der Schankbetrieb. Die Gäste saßen gern im Wirtshausgarten im Schatten dreier Bäume – einer Linde und zwei Kastanien – die so miteinander verästelt und verwachsen waren, daß sie von Vorübergehenden oft als nur ein Baum
angesehen wurden. Sie genossen die abendliche und sonntägliche Ruhe, denn der Stadtweg war
nur halb so breit wie die Schillerstraße und Fahrverkehr gab es
nur wenig, was man sich heute beim morgen- und abendlichen Stau in beiden Fahrtrichtungen überhaupt nicht mehr vorstellen kann.
1890 erhielt die Gaststätte von der jungen Frau Wirtin, Emilie Seifert, den Namen „Zum Grünen Baum“, der sich sicherlich auf das schöne grüne Dach der drei Bäume bezieht, die es heute nicht mehr gibt. Die beiden Kastanien gingen ein und die schöne große Linde mußte 1942 gefällt werden. Jetzt stehen an diesem Platz zwei Linden, deren Kronen flach gehalten werden, um dem Wohnhaus nicht das Licht zu nehmen.
Durch zwei Spezialitäten aus der Küche der Frau Wirtin, nämlich dem vorzüglich selbsteingelegten marinierten Hering sowie der hausgemachten Sülze erlangte
der „Grüne Baum“ geradezu Berühmtheit.
Berühmt und bei den Gästen sehr beliebt war auch der rote selbstgekelterte Johannisbeerwein aus den Beeren der Sträucher, die als Ersatz für die Ende des vorigen Jahrhunderts durch Reblausbefall eingegangenen Rebstöcke gepflanzt worden waren. An den sonnendurchwärmten Mauern gedieh auch prächtiges Spalierobst, unter anderem die berühmten Loschwitzer Aprikosen, die sogar von manchen Weinbergbesitzern bis auf den Berliner Markt mit Schubkarren gebracht wurden.
Die Kinder waren geradezu närrisch auf das „Stöckelbier“, ein dunkles Einfachbier mit Zucker, das zum Umrühren mit einem langen, ganz schmalen Holzlöffel gereicht wurde. Sicherlich mochten dies auch die Kinder des letzten sächsischen Königs, der nach Berichten des Wirtssohnes, Richard Seifert, gern ohne jegliche Bewachung durch Wachwitz und Loschwitz Spaziergänge unternahm und mit seinen Kindern auch im „Grünen Baum“ einkehrte.
Franz Seifert galt als Loschwitzer Original, denn er hatte so seine Eigenheiten, die von den Gästen aber toleriert wurden, da er auf der anderen Seite als guter Gesellschafter galt. So durften bei ihm nur
Zigarren oder Pfeifen geraucht werden. Zigarettenrauch duldete er nicht und mit einem brummigen „Eure Sargnägel könnt ihr zu Hause rauchen“ wies er seine
Gäste in die Schranken. Trotzdem kamen viele Künstler, Maler und Bildhauer, Beamte und Lehrer mit ihren Familien in den „Grünen Baum“. Franz Seifert starb 1931 85jährig.
Zuvor hatte er die Gaststätte 1929 an seinen Schwiegersohn Carl Türk verkauft, der Küchenmeister von Beruf war, aber weiterhin in verschiedenen bekannten Dresdner Hotels wirkte. Die Gaststätte in Loschwitz wurde von seiner Frau Annemarie Türk geführt, und nur bei ganz besonderen Anläßen stellte er sich in der eigenen Küche an den Herd.
Im Jahre 1933 ließ er das Haus aufstocken und modernisierte es. Dabei entstand ein, für heutige Verhältnisse recht bescheidenes, aber gut besuchtes Fremdenzimmer, wie die Eintragungen im
Gästebuch beweisen. Da bedankt sich eine Familie Titus im Juli 1939 „... auf dem Wege von Hankou – Shanghai – Sibirien – Loschwitz für schöne Wochen hier im ,Grünen Baum‘. 1938 weilte mehrere Wochen ein Ägypter hier und es finden sich weitere Eintragungen von Schweden, Holländern sowie Gästen aus Las Palmas, die alle das schöne Fleckchen Erde priesen.
Die Familie Türk bewahrte die Tradition einer gemütlichen ländlichen Gaststätte, die noch bei Schülern und Studenten unserer Generation, die sich hier zum Skatspielen trafen, sehr beliebt war, aber, wie das Gästebuch aus dieser Zeit bezeugt, auch von der Dresdner Prominenz sehr geschätzt wurde.
So bedanken sich Joseph Keilberth und seine Frau Ingeborg sowie der Regisseur Palitzsch für einen reizenden Abend. Peter Pfund, ein Sohn aus dem Hause der Molkerei Gebrüder Pfund, ein origineller Mensch, gehörte zu den Stammgästen des „Grünen Baumes“, die fast täglich „Leben in die Bude brachten“.
In guten wie in schlechten Zeiten, auch in der Nachkriegszeit, wo der Wirtin die begehrten Bockwürste und Getränke streng zugeteilt wurden, hatte der „Grüne Baum“ seine Gäste, die sich heute noch gern an die dort verlebten Stunden erinnern. 1959 starb Annemarie Türk und mit ihr für immer der „Grüne Baum“.

Helga Oelker

Danken möchte ich den beiden Enkelinnen des Franz Seifert, Elli Köhler und Uschi Türk, die mit der Überlassung von Ablichtungen von Niederschriften und Urkunden sowie Fotos das Archiv des Ortsvereins bereichert haben und auch durch ihr Erzählen aus vergangener Zeit, diesen Beitrag erst
ermöglichten.

Bild: Der Garten in den 30er Jahren  Alle Fotos: Sammlung[]E.[]Köhler und U.[]Türk
Der Garten in den 30er Jahren

Alle Fotos: Sammlung E. Köhler und U. Türk
Bild: Ansicht von der Schillerstraße aus
Ansicht von der Schillerstraße aus
Bild: Die Wirtsleute Gottlieb Franz und Emilie Seifert
Die Wirtsleute Gottlieb Franz und Emilie Seifert
Bild: Der Garten noch mit dem dichten Blätterdach der drei Bäume.
Der Garten noch mit dem dichten Blätterdach der drei Bäume.