Beitrag aus dem Elbhang-Kurier (5/1998)

Vergangene Loschwitzer Gastlichkeit – Das Gasthaus „Zum Kamerad“

Gegenüber des Gemeindehauses in der Grundstraße neben der Einmündung des Rietschelweges befindet sich ein kleiner „wilder“ Parkplatz, wo maximal vier Autos Platz haben, zum Hang hin begrenzt durch eine häßliche Betonplattenmauer hinter der sich die Abrißtrümmer der Gastwirtschaft „Zum Kamerad“ befinden.

Der „Kamerad“ war ein längliches ländliches Gebäude mit kleinen Fenstern und Weinspalier an der Fassade, davor ein Gärtchen, wo man hinter Büschen im Freien sitzen konnte. Links stand die sogenannte Klause, in der eine Weinpresse stand, wo nach der Zerstörung der Weinstöcke durch den verheerenden Reblausbefall, die Früchte für den hauseigenen Beerenwein gesäubert und gepreßt wurden, was auch noch die letzte Wirtin, Dorothea Roch, als junge Frau tun mußte. Dabei wurde seit Anfang unseres Jahrhunderts schon mehr Bier als Obstwein getrunken, der wohl auch kaum für die vielen durstigen Kehlen gereicht hätte. Man trank bayrisches Bier, aber auch Waldschlößchen- und Radeberger Bier wurde ausgeschenkt. Zudem war Max Roch auch Genossenschaftsmitglied der Falkenbrauerei. Diese Mitgliedschaft, die später auf Sohn und Schwiegertochter überging, bestand bis zur Schließung der Gastwirtschaft.

Das Haus hatte eine lange Geschichte

1628 wird das Grundstück Grundstraße 29 in den Büchern des Justizamtes Dresden (Amtsgemeinde) erstmals genannt. Ab 1745 wird es innerhalb einer Familie von Generation zu Generation weitervererbt, was auf einen Hausbau schließen läßt. Etwa ab 1862 wird Schankwirtschaft in diesem Haus betrieben. Einer der ersten Schankwirte ist Carl Friedrich August Modes, der 1849 geborene älteste Sohn vom letzten Loschwitzer Fährmeister, Carl Friedrich Modes. Er stirbt 58jährig im Jahr 1908. Seine zweite Ehefrau, lda geb. Förster, deren Söhne Max und Curt beim Tod des Vaters erst neun und drei Jahre alt waren, gibt Haus und Schankrecht offensichtlich bald ab, denn Fotos um 1910 belegen, daß der neue Besitzer Franz Winter ist. Von diesem kauft es 1929 Max Roch, der die Gastwirtschaft zusammen mit seiner Frau Frieda führt. 1945 flüchtet die junge Frau des Sohnes Arno, Dorothea Roch, die bis dahin noch in ihrer Heimat in Schlesien gelebt hatte, mit ihrem kleinen Töchterchen nach Loschwitz zu den Schwiegereltern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gastwirtschaft konfisziert, weil Max Roch Mitglied der NSDAP war. Den Verlust seiner Gastwirtschaft konnte er nicht verwinden und schied freiwillig aus dem Leben. Einen Tag nach seiner Beerdigung, am 1. Dezember 1945, mußte seine Familie das Haus verlassen und ein Treuhänder übernahm die Gaststätte. Die von Frau Frieda Roch eingereichte Klage hatte aber Erfolg, so daß sie ab Ende Januar 1946 zusammen mit ihrer Schwiegertocher wieder die Wirtschaft führen konnte.
1947 kehrte der Sohn und Ehemann Arno Roch aus der Gefangenschaft heim und übernahm ab 1948 das Geschäft. Doch hielt es ihn nicht mehr in Dresden. Er kapitulierte vor den Schwierigkeiten, die ein Gastbetrieb in einer Zeit, wo es Lebensmittel nur auf Marken gab, kein Telefon vorhanden war und alle Bestellungen entweder per Fahrrad oder zu Fuß aufgegeben werden mußten, und ging nach dem Westen. Seine Frau und die Kinder blieben in Loschwitz und nach der erfolgten Scheidung war Dorothea Roch die Wirtin des „Kameraden“.
Sie erinnert sich noch recht gut, welche Gratwanderungen zwischen Erlaubtem und Nichterlaubtem sie gehen mußte, um ihren Gästen in dieser harten schweren Nachkriegszeit einen angenehmen Aufenthalt in ihrem Hause zu bereiten. Da war der Vertrag mit der HO (Handelsorganisation) schon eine Erleichterung für beide Seiten, denn welche Ehefrau gab gern die so knapp bemessene Markenzuteilung dem Ehemann mit zum Billard- oder Kegelabend, wo es doch so schon kaum reichte. Aber trotz alledem hat es dem „Kameraden“ nie an Gästen und Stammtischrunden gefehlt.
Der „Kamerad“ hatte eine Gaststube und ein Vereinszimmer mit jeweils 50 Plätzen. Wenn, besonders an den Wochenden, viele Mittagsgäste vor oder nach ihren Wanderungen durch die Loschwitzer Landschaft einkehrten, konnte der Billardtisch zum Speisetisch umfunktioniert werden, bekam einen Wachstuchschutz unter die Tischdecke und schon konnten weitere Gäste daran Platz nehmen. Gleich neben der Theke stand der Stammtisch. Wie es Fotos zeigen, bei Winters noch mit viereckigem, bei Rochs mit großem runden Tisch und vielen Karrikaturen an der Wand, die von dem Maler Herdegen stammten.

Zu jeder Zeit hatte der „Kamerad“ interessante Stammtischrunden.

Hier trafen sich Künstler, Handwerker und Geschäftsleute. Zu Zeiten Friedrich Wiecks scharten sich jüngere und ältere Verehrer um den Musikpädagogen und es gab auch den Blasewitzer Kreis um Königsheim, Barteldes und Tauscher. Bei Winters und Rochs trafen sich mehre Runden regelmäßig. So waren es einmal die Maler Otto Griebel, Werner Hofmann, Schäfer und Lachnit, zum anderen Louis Schumann, Uhrmacher Winkler, Bäcker Winkler und Gärtner Knackfuß. Letztere trafen sich auch Jahr für Jahr am zweiten Weihnachtsfeiertag im „Kameraden“. Eine weitere Runde scharte sich um den Kapitän der Weißen Flotte Otto Koch, der in der „Grundschänke“ wohnte. Dazu gehörten Schneider Hofmann und Uhrmacher Richter (Nickel-Richter genannt), Dachdecker Peschke und die Gärtner Knackfuß und Hermann.
Der Männergesangsverein Arion probte vor dem Krieg regelmäßig im „Kameraden“. Viele Handwerker gehörten dem Chor an, so unter anderem die Schneider Hofmann und Jörg, die Tischler Jörg und Lissau sowie Fritz Rölle aus der Pillnitzer Landstraße 8. Nach 1945 machte der Volkschor Loschwitz die Gastwirtschaft zu seinem Stammlokal. Die Kapelle der Loschwitzer Freiwilligen Feuerwehr hatte ihre Proben abwechselnd mal im „Kameraden“ und mal in der „Grundschänke“. Von den zahlreichen Kegelrunden kann nur eine noch namentlich aufgezählt werden, nämlich die von Dr. Schöne, Kantor Hielscher von der Trinitatiskirche mit den Ehepaaren Müller-Monard und Ulbrich aus Oberloschwitz. Der „Kamerad“ gehörte auch mit zu den bei Studenten sehr beliebten Kneipen und ist somit noch heute vielen ehemaligen Absolventen Dresdner Hochschulen in bester Erinnerung.
Am 8. Mai 1951 ging über Loschwitz ein Unwetter nieder. Das Wasser strömte von Bühlau her die Grundstraße runter und setzte alles unter Wasser. Die erste Hilfe kam von drei jungen Philharmonikern, Gerd Kleindienst, Heinz Schmidt und Kratzenberger, die gerade zu Mittag essen wollten und der Wirtin hilfreich zur Seite standen, um den Wassermassen Herr zu werden und das Haus vor größerem Schaden zu bewahren.

Das Schicksal des „Kameraden“
wurde jedoch durch ein Unwetter besiegelt,

das 1957 über Loschwitz niederging, wobei Wasser und Schlamm vom Hang den Rietschelweg hinunter durch die Stützmauer hindurch, in die Kegelbahn eindrang, die an diese Mauer angebaut war. Nach dem ersten Schrecken mußte festgestellt werden, daß der Schaden größer war als zuerst vermutet. Die Kegelbahn war nicht mehr zu benutzen und somit fiel eine wesentliche Erwerbsquelle aus. Notdürftig hatte ein Freund des Hauses ein System installiert, um das Regenwasser, welches durch die Schadstellen am Hang freien Zugang ins Haus hatte, aufzuhalten. Durch Röhren, die in den Hang getrieben waren, lief das Wasser in eine Badewanne. Ein Schwimmer setzte, wenn die Wanne voll war, eine Klingel in Gang, wodurch die Familie zum Schöpfen gerufen wurde. Heute kann man über diese Notlösung schmunzeln, doch damals war es eine Notwendigkeit, denn noch glaubte die Wirtin, den Schaden wieder reparieren lassen zu können. Doch der von ihr beantragte Kredit wurde abgelehnt, ja nicht einmal die Baugenehmigung wurde erteilt, da die Grundstraße verbreitert werden sollte. Dieser Teil der Grundstraße, von den Berufskraftfahrern als Schlauch bezeichnet, stellte schon damals ein Verkehrshindernis dar und auch eine Gefahr für die Gäste hinter dem Gartenzaun, denn es ist passiert, daß der Bus im Zaun des „Kameraden“ landete. Der Kaufvertrag der Familie Roch enthielt bereits beim Kauf des Grundstückes 1929 einen Passus, daß im Falle einer Verbreiterung der Grundstraße der benötigte Streifen Land vom Grundstück kostenlos an die Stadt abzugeben sei. So blieb der Wirtin nach vielen Gängen durch die Ämter nur der allerletzte Schritt. Sie schloß 1958 die Gastwirtschaft und mußte auch ihr Heim verlassen, da das Haus inzwischen nicht mehr bewohnbar war. Den von der Stadt geforderten Abriß verweigerte sie aus finanziellen aber auch ideologischen Gründen, so daß die Stadt 1965 den Abbruch selbst vornahm, da anläßlich der Friedensfahrt die Grundstraße „empfangsbereit“ gemacht wurde. Die Trümmer verblieben auf dem Grundstück, so daß es heute schwer vorstellbar ist, daß auf diesem kleinen Platz eine Gaststätte mit Vorgarten, Kegelbahn und Nebengelaß stand.
Seit 1825 bestand in der Amtsgemeinde von Loschwitz entlang des Loschwitzgrundes, der heutigen Grundsstraße der „Reihenschank“. Die Anwohner waren im vierteljährlichen Wechsel mit Schenken an der Reihe und gaben danach Trink- und Schankmaße an den nächsten weiter. Schließlich blieben von diesem Reihenschank durch Verkauf und Verzicht nur noch die vier Schänken „Zum Kamerad“, „Grundschänke“, „Forsthaus“ und „Amtsschänke“ übrig, von denen der „Kamerad“ am längsten bestand.
Frau Dorothea Roch und Frau Monika Weise-Kirbach möchte ich für die Gespräche und die überlassenen Fotos und Ablichtungen von Urkunden herzlich danken.

Helga Oelker

Quellen: Heise, Ulla: Zu Gast im alten Dresden. München: Heinrich Hugendahl. 1994, S. 164. Ernst Hirsch, Matthias Griebel, Volkmar Herre: August Kotzsch, 1836 – 1910. Photograph in Loschwitz bei Dresden. Dresden: VEB Verlag der Kunst, 1986. Wehner, Emil: Häuserbuch – Loschwitz/Wachwitz, 1969

Bild: Das Gasthaus um 1880 mit noch offenem Bachbett der Trille Foto: August Kotzsch
Das Gasthaus um 1880 mit noch offenem Bachbett der Trille
Foto: August Kotzsch
Bild: Der Kamerad um 1910
Der Kamerad um 1910
Bild: Stammtisch bei Franz Winter, links Luis Schumann, rechts der Wirt Foto: Sammlung Schumann
Stammtisch bei Franz Winter, links Luis Schumann, rechts der Wirt
Foto: Sammlung Schumann
Bild: Die Wirtsleute Max und Frieda Roch
Die Wirtsleute Max und Frieda Roch
Bild: Stammtisch bei Rochs. Rechts die Wirtin Dorothea Roch
Stammtisch bei Rochs.
Rechts die Wirtin Dorothea Roch
Bild: Der „Kamerad“ mit Vorgarten und der Klause rechts am Rand
Der „Kamerad“ mit Vorgarten und der Klause rechts am Rand
Bild: Dorothea Roch vor ihrer HO-Vertragsgaststätte
Dorothea Roch vor ihrer HO-Vertragsgaststätte
Bild: Die Grundstraße in Höhe der Nr. 40 nach dem Unwetter am 8. Mai 1951
Die Grundstraße in Höhe der Nr. 40
nach dem Unwetter am 8. Mai 1951